Herdenschutzhunde

Sind Herdenschutzhunde /-Mischlinge familientauglich? Ja – natürlich!

In den sogenannten sozialen Netzwerken, in Foren und sonstiger einschlägiger Literatur wird seit einigen Jahren immer wieder vor den süßen puscheligen “Herdie-Welpen” gewarnt und sie werden mitunter zu “lebenden Zeitbomben” erklärt. Stellt man solch einen Hund auf seiner Seite vor, findet sich oft jemand “Schlaues”, der genau darüber aufklären muss, wie “gefährlich” solch ein Hund werden kann. Auf der einen Seite mag das richtig sein, doch wie jede Verallgemeinerung kann es auch völlig falsch sein. Das Aussehen, das Fell und die Statur eines Welpen sagen nur wenig über das spätere Verhalten des Hundes aus.

Bedingt durch die Lage unseres Tierheims in den entlegenen Ostkarpaten beherbergen wir viele Herdenschutzhunde und deren Mischlinge. Immer wieder werden uns ganze Würfe kleiner wuscheliger Welpen gebracht, die jemand irgendwo gefunden hat. Die Umgebung von Ditrău in den Harghita-Bergen ist in erster Linie Weideland, das von Wanderhirten bewirtschaftet wird. Im Winter leben sie in der Nähe der Dörfer, im Sommer werden die Herden für mehrere Monate in die Hochlagen der Karpaten getrieben. In tieferen Lagen sind es Rinder, in höheren Lagen Schafe und Ziegen. In den Wäldern der Ostkarpaten sind Wölfe und Bären zuhause und die Hirten haben seit Jahrtausenden gelernt, mit ihren Herden von einem Ort zum anderen zu ziehen und sie vor feindlichen Angriffen zu schützen. Ohne Elektrozaun, aber mit Hunden, oft einem halben Dutzend oder mehr.

Das Leben eines Wanderhirten in den Ostkarpaten ist alles andere als romantisch, es ist hart und rau, das Wetter ist unberechenbar, die Hirten schlafen sehr oft unter freiem Himmel bei den Tieren, um sie gemeinsam mit den Hunden gegen Wölfe und Bären zu beschützen. Herdenschutzhunde sind Teil der Herde, leben mittendrin, von Welpenbeinen an. Sie entscheiden instinktiv, wann sie ihre Herde wie verteidigen müssen. Es liegt ihnen “in den Genen”. Sie beobachten ihre Umgebung sehr genau, liegen gerne auf erhöhten Plätzen und beobachten ihre Herde. Ansonsten machen sie gerne mal nichts, sind dabei aber trotzdem sehr wachsam.

Das ist Mio, er stammt aus Ditrau, und lebt jetzt bei seiner Familie am Niederrhein. Er ist mit ganzer Hundeseele der Begleithund seiner Familie mit 2 Kindern.

Vorab eine wichtige Begriffsdefinition: Herdenschutzhunde sind nicht gleich Hütehunde. Beide sind für die Hirten von großer Bedeutung, haben jedoch unterschiedliche Aufgaben. Die bekanntesten Hütehunde hier im Westen sind Border Collies, Australian Shepherds, oder Harzer Fuchs …, in Rumänien trifft man meist Mischlinge an. Sie sind maximal mittelgroß, schlank und wendig und arbeiten mit dem Hirten zusammen, um das Vieh auf die Almen, die Weiden oder in Ställe zu treiben. Da sie auf Zuruf des Schäfers bestimmte Handlungen ausführen können, sind Sie unentbehrlich bei der Rettung verlorener Tiere im Gebirge. Sie wollen mit dem Menschen zusammen arbeiten. Die bekanntesten Herdenschutzhunde sind im Westen die Pyrenäen Berghunde, in Italien die Maremmanos u. a. , in Rumänien die Ciobanesc Românesc Carpatin oder Mioritic samt einiger Unterarten. 

Reinrassige rumänische Herdenschutzhunde sind sehr groß, oft 70 – 80cm, haben sehr dichtes Fell mit viel Unterwolle, das sie vor der Kälte in den Bergen aber auch vor Bissen von Raubtieren gut schützt. Sie können perfekt draussen überleben und sind insgesamt sehr genügsam. Sie brauchen keine Beschäftigung, kein Programm. Die Hirten der rumänischen Karpaten haben oft Hunderudel bestehend aus Hütehunden und Herdenschutzhunden. Leider überlassen viele Hirten in den Wintermonaten die großen Hunde sich selbst. Das hat nicht unbedingt mit Vernachlässigung zu tun, sondern schlicht mit Armut, sie können die großen Tiere nicht durchfüttern. Diese müssen sich selber durchschlagen und paaren sich dabei oft mit Dorfhunden oder speziell den Hütehunden.

Daraus ergeben sich die Mischlinge, die die Gene und Verhaltensweisen beider “Rassen” in sich tragen. So mancher scheinbare Hütehund ist daher sturer und selbstbestimmter als ein “echter” Herdenschutzhund! Manchmal stimmen Aussehen und Verhalten auch völlig überein. Grob verallgemeinert kann man sagen: Je größer der Hund, desto mehr verhält er sich auch wie ein Herdenschutzhund! Im allgemeinen lieben sie es bequem und gemütlich im Haus mit Garten bei ihren Menschen, schätzen ein trockenes Plätzchen und regelmäßiges Futter. Ihrer eigenen Familie gegenüber sind sie sehr loyal, Fremden gegenüber eher reserviert. Sie lassen sich gerne streicheln oder knuddeln. Solange es ihnen gefällt! Wenn sie genug haben, gehen sie weg. Genau dann muss man sie auch in Ruhe lassen! Mit manchen kann man sogar gut die Hundeschule besuchen, sie lieben es mit dem Menschen zu arbeiten, haben je nach Körperbau Spaß an Agility, lernen Tricks, oder sind perfekte Begleithunde für Familien. Sie sehen es als ihre Aufgabe an, ihr Familienrudel, Haus und Hof zu beschützen.

Mio mit Herrchen am Rhein, April 2018. Das Getobe im Wasser, Bällchen apportieren oder Stöcke aus dem Wasser fischen überlässt er den quirligen Hütehunden.

Typische Hütehunde sind reichlich kleiner und agiler. Sie toben und spielen um des Spielens willen. Ihre ursprüngliche Aufgabe war es, die Herden beispielsweise geordnet in den Stall zu treiben, verloren gegangene Tiere zurück zur Herde zu bringen und für Ordnung zu sorgen, damit die Schafe nicht kreuz und quer durcheinander laufen. Dazu müssen sie eng mit dem Hirten zusammenarbeiten und jedes Kommando korrekt ausführen.

Wie erkennt man nun, welche Gene in welchem Hund vorrangig sind?

Aus eigener mehrjähriger Erfahrung in den rumänischen Ostkarpaten kann man grob vereinfacht sagen, je größer und kräftiger die Mischlinge gebaut sind, desto mehr vom Verhalten der Herdenschutzhunde haben sie. Je zarter und wendiger, desto mehr Hütehund typisches Verhalten wird sichtbar. Genauere Verhaltensmuster sind bei Welpen nicht vorhersehbar, denn auch die Welpen der Herdenschutzhunde spielen und toben gerne mit ihren Artgenossen. Erst nach der Pubertät werden die Unterschiede deutlicher.

Mio ist der typische “Herdie”. Schon als Welpe war er eher zurückhaltend, sprang nicht wild an einem hoch. Ganz anders als seine männlichen Wurfgeschwister Mato und Mitja, die ganz schön aufdringlich waren. Wieder völlig anders verhielten sich die weiblichen Wurfgeschwister Manou, Maat und Mari: Menschen gegenüber sind sie zurückhaltend bis sehr scheu. Bei den Welpen waren schon durchaus Tendenzen zu erahnen, aber erst mit ca. 7 – 8 Monaten waren die Eigenschaften ausgereifter. Trotz allem sind auch erwachsene Hunde anpassungsfähig, wenn die Menschen viel Geduld aufbringen und dem Hund “alle Zeit der Welt” gönnen, sich in die neue Situation einzufügen. – Hunde vom Typ Hütehunde sind speziell so gezüchtet, dass sie mit dem Menschen kooperieren wollen, dass sie Freude daran haben etwas mit ihren Menschen zu unternehmen. Sie lieben es, lernen schnell und binden sich eng an ihre Bezugspersonen(en).

Hunde vom Typ Herdenschutzhund handeln im Prinzip eigenständig nach ihrem genetisch vorgegebenen Instinkt.

Sport oder ähnliche Beschäftigungen brauchen sie nicht. Mit viel Liebe, Ruhe und Konsequenz kann man sie dazu erziehen, sich an die hier geltenden Regeln zu halten, denn solch große Hunde können im eng besiedelten Westeuropa schnell mental und psychisch überfordert sein und falsch reagieren. Man übernimmt damit eine erhebliche Verantwortung. Doch auch Herdenschutzhunde lernen bereitwillig, Sitz – Platz – Fuss und Grundkommandos des täglichen Lebens, erwarten allerdings von ihren Menschen Respekt und die Beachtung ihrer Bedürfnisse. Sie mögen nicht körperlich bedrängt werden, es sei denn sie kommen selber an. Dann können sie auch richtige “Schmusebacken” werden.

Hündin Eylin, die sehr gerne mit Menschen kuschelt
Urias, unser 2,5 jähriges Riesenbaby, über 70 cm groß und im wahrsten Sinne des Wortes umwerfend verschmust.

Grundsätzlich kann man die Eingangsfrage mit einem freudigen “Ja – natürlich” beantworten.

Wir kennen sehr eigenwillige Herdenschutzhunde und sehr anpassungsfähige, sehr zurückhaltende bis scheue und regelrecht aufdringliche; solche die nur “ihr Ding” machen und solche die kooperativ sind. Es ist alles dabei, denn was wie ein Herdenschutzhund aussieht kann vielleicht einen Ur-Großvater mit ausgeprägtem Hütetrieb, oder Jagdtrieb gehabt haben. Wer weiss das schon? Jedes Tier ist ein Individuum. Wir versuchen vor der Vermittlung alle Hunde selber kennenzulernen, geben uns Mühe ihr mögliches Verhalten einzuschätzen so gut es vor Ort eben geht. Denn nicht nur die Genotyp und Phänotyp sind entscheidend, wie sich ein Hund entwickelt. Hier noch einige unserer “Typischen” Herdenschutzhunde, die in Ditrău auf ihre Familien warten. Gerne in eher ländlicher Umgebung, gerne mit Haus/Wohnung und Garten. Viel Auslauf und enge Anbindung an die Menschen sind Grundbedingung. Dann klappt es auch mit einem Herdenschutzhund.

Mädi beim Leinentraining
Manchmal muss man für einen Herdie allerdings ein etwas größeres Auto haben. 🙂