Deprivationssyndrom

Wenn die Welt am Gitter endet…
Das Deprivationssyndrom und die Folgen

Im Grunde genommen sind die Gitter ja nichts Schlimmes, wenn ein Welpe / Junghund – wie bei uns im Tierschutzzentrum Ditrău – jeden Tag aus dem vergitterten Zwinger heraus kommen darf, um in der Sonne zu rennen und zu spielen, wären da nicht bald die nächsten Zäune. … Immer wieder kommen kleinste Welpen im Alter von 4 oder 6 – 8 Wochen ohne Muttertier ins Tierheim. Sie haben im allgemeinen einen schweren Start ins Leben, doch sie dürfen in der relativ geschützten Umgebung einer trockenen Hundehütte und mit gefüllten Futternäpfen aufwachsen. Sie bekommen mindestens 2 mal am Tag Welpenfutter, teils mit Ziegenmilch, menschliche Zuwendung, sie werden angefasst, gestreichelt und bei Bedarf medizinisch versorgt. Sobald sie ihre Quarantänezeit geschafft haben, dürfen sie auch mal aus dem Zwinger raus. Besser ist es in einem rumänischen Tierheim wohl kaum möglich.

Sie waren kaum einen Monat alt, als man sie ertränken wollte. Sie wurden gerettet und kamen zu uns ins Tierheim

Mal etwas Kynologie-Wissen:

Die Entwicklung des Welpen verläuft in 4 Phasen:

  1. vegetative Phase
  2. Übergangsphase
  3. Prägungsphase
  4. Sozialisierungsphase

In der ersten sog. vegetativen Phase bis zur 2. Woche sind sie noch blind und weitgehend taub und vor allem damit beschäftigt bei der Mutter zu trinken, zu verdauen und zu schlafen.

Im Alter von rund 3 Wochen öffnen sich allmählich Augen und Ohren und die Sinnesorgane erwachen, so dass der Welpe sein nächstes Umfeld erkennen kann. Man spricht von der Übergangsphase von der 3. bis zur 4. Woche.

In der dritten sehr wichtigen Prägungsphase im Alter von ca. 4 – 8 Wochen beginnen Hundewelpen zusammen mit ihren Müttern ihre allernächste Umgebung zu erkunden. Unsere leider oft mutterlosen Welpen lernen alleine die Hütte, den Zwinger, die Näpfe, die eigenen Geschwister und viele andere Hunde kennen. Ihre Welt ist ein Tierheim, bestehend aus einem Pfleger, vielen Hunden, viel Gebell, aber auch spielen, kuscheln, ums Futter kämpfen und was junge Hunde sonst so alles miteinander machen. Der Welpe wird dabei auf die Grundlagen eines Hundelebens geprägt. Hat so ein kleines noch ziemlich hilfloses Wesen in dieser Phase ein traumatisches Erlebnis – sei es in den eiskalten Bach geworfen zu werden, von der Mutter getrennt zu sein, fast zu verhungern … – dann ist das sehr prägend und wird zwangsläufig Auswirkungen haben. Welche, kann man nicht voraussagen. Typisch ist eine Angstphase rund um die 8. Woche (Beim Kind spricht man von “fremdeln”, meist im Alter von 6 – 8 Monaten). Das ist eine hochsensible Phase, denn sehr oft erleben wir, dass zuvor putzmuntere kleine Welpchen, die ohne Angst an unseren Händen geknabbert und Streicheleinheiten genossen haben, sich plötzlich ängstlich unter die Hütte verkriechen und notfalls sogar voller Angst in die Hände beissen. Genau jetzt müssten Menschen da sein, die den Welpen trotz aller Angst und Gegenwehr auf den Arm nehmen, mit ihm kuscheln und ihm helfen, diese Phase schnell und mit positiven Erlebnissen zu überstehen.

Danach folgt die sogenannte Sozialisierungsphase von der 8. – 12 Woche. In dieser Zeit müsste der für alle Eindrücke offene und sehr lernfähige Welpe optimaler Weise in sein neues Zuhause kommen und dort seine zukünftige Welt kennenlernen: Menschen, Wohnungen, Stadt, Garten, Fernseher, Staubsauger, Auto fahren … (Gute Züchter bereiten das alles schon mit viel Liebe und Zeitaufwand vor, solange die Kleinen noch im Wurf leben). Doch was lernen unsere Welpen im Tierheim? Zwangsläufig leider sehr wenig. Ihre Welt hat immer irgendwo ein Gitter und überall sind nur Hunde. Bald kommen die Welpen zu den größeren Junghunden und lernen, sich in der Hundegesellschaft angemessen zu verhalten. Da bei den Junghunden auch immer ein paar erwachsene, souveräne Hunde leben, werden sie sehr gut “sozialisiert”. Aufgrund der seuchenrechtlichen Bestimmungen und des (aus vielerlei Sicht im Sinne des Tierschutzes sinnvollen) Verbots von Welpentransporten aus dem Ausland, dürfen sie frühestens 21 Tage nach der 12. Woche, also erst mit fast vier Monaten, ausreisen. Damit ist dann die Sozialisierungsphase vorbei. Zum Glück kennen unsere Hunde diese kynologischen Phasen nicht so genau und ich habe immer wieder erlebt, dass auch 16 oder 20 Wochen alte Welpen sehr schnell lernen, sich in der neuen Welt zurecht zu finden. Doch die meisten Junghunde bleiben noch viele weitere Monate im Tierheim, und dann nimmt die Fähigkeit, sich auf neue Situationen einzustellen merklich ab. So kann es sein, dass ein Junghund im Tierheim äußerst fröhlich an Menschen hochspringt, sich kraulen lässt, spielt und überhaupt nicht ängstlich wirkt, doch sobald er in ein neues Zuhause kommt, plötzlich völlig erstarrt oder verängstigt ist.

Ist der fröhliche Junghund ist dann plötzlich ein Angsthund?

Eigentlich nicht, aber er leidet unter dem Deprivationssyndrom. Leider haben wir recht viele Hunde im Tierheim, die seit ihrer Welpenzeit nichts anderes kennengelernt haben. Da Hunde ja sehr anpassungsfähig sind, kommen sie damit ganz gut klar (sie kennen es ja nicht anders). Da wir nur einen Pfleger (Levente) in Ditrău haben, kennen sie im Grunde nur einen einzigen Menschen, der mehrmals täglich zu den Hunden geht, sie versorgt und auch mit ihnen spielt.

Wenn wir (Team Karpatenstreuner) dann mal vor Ort sind, ist das für manche Hunde etwas ganz Ungewöhnliches. Manche freuen sich wie Bolle, andere empfinden uns als Störenfriede. Daher verbringen wir gerne Zeit im Freilauf, beobachten die Hunde, um ihr Verhalten beschreiben zu können. Aber auch das ist nur eine Momentaufnahme unter besonderen Bedingungen. Doch man kann schon ein wenig daraus erkennen, ob es ihnen leichter oder schwerer fällt, sich auf neue Situationen einzulassen und ob sie flexibel und anpassungsfähig sind, ob sie offen entgegenkommen oder mit z.T. heftiger Abwehr reagieren.

Egal wie der junge Hund mit der Situation Tierheim klar kommt, der Schritt in die neue Welt – sein Zuhause oder eine Pflegstelle in Deutschland – ist riesig, überwältigend und auch beängstigend. Nie zuvor ist er so lange in einer Box mit einem Auto gefahren (der Transport dauert 24 – 30 Stunden von Rumänien) Rund herum fremde Hunde, fremde Gerüche, Geräusche, fremde Menschen. Er wird angefasst, gestreichelt, ist umgeben von fremden Stimmen, nichts ist mehr vertraut.

Hier zeigt sich dann sehr schnell, wie offen der junge Hund für Neues ist. Wie er jetzt reagiert, ist nur schwer vorher zu sagen. Schon manches Mal hat ein von uns als Angsthund beschriebenes Tier schnell die Vergangenheit hinter sich gelassen und ist kopfüber ins neue Leben gepurzelt. Genauso kann aber auch das Gegenteil der Fall sein. Je jünger die Hunde sind, desto schwerer ist das vorherzusagen. Ältere Hunde, die man schon länger kennt, sind leichter zu beurteilen.

Wir bemühen uns, die Hunde möglichst gut zu beschreiben, aber ein Restrisiko ist immer gegeben. Oft sind gute Hundeschulen hilfreich, sofern sich die Trainer mit diesem Deprivationssyndrom auskennen. Manchmal braucht es einige Geduld, bis sich das Problem auswächst, aber so gut wie immer sind Hunde für Freundlichkeit, Streicheleinheiten und gutes Futter sehr zugänglich und passen sich an die neue Umgebung an, wenn sie erst einmal bemerkt haben, wie schön das neue Leben ist.

Es gibt aber durchaus Hunde, die nicht anpassungsfähig sind, doch das merkt man schon im Tiereim, solche Hunde werden von uns nicht vermittelt.